2024_01_15 SG-Fachtag - Bild 1

Gemeinsamkeiten und Unterschiede – ein Hoch auf die Ambiguitätstoleranz!

Nach einem faszinierenden 1. Fachtag des Ressorts Arbeitswelt der Systemischen Gesellschaft (SG) in Berlin hallt die Erinnerung an den anregenden Gedankenaustausch mit Kolleg*innen, die bereichernden Impulse aus zwei Workshops und einer Diskussion im Open Space sowie die Vielzahl an aufgeworfenen Fragestellungen deutlich nach.

Durch das unterstützende Graphic Recording von Jens Nordmann wurde aus den zahlreichen Wort-Beiträgen ein beeindruckendes Bild geschaffen, das zusätzlich in Erinnerung bleibt und zur fortwährenden Neugierde auffordert!

Einleitend begrüßten Vertreter des SG-Vorstands, Gerd Janke und Tom Küchler gemeinsam mit Martin Hermann, Referent des Ressorts Arbeitswelt, die Teilnehmenden des Fachtags mit dem Titel „Coaching I Supervision – SGt ins Detail – Treffen wir als SG Unterscheidungen, die einen Unterschied machen?

In der folgenden Keynote fokussierte Michael Dahm auf das Verständnis von Systemischem Coaching und Systemischer Supervision. Trotz bisheriger Unterrepräsentation des Themas Arbeitswelt innerhalb der SG, so betonte er, zeugt der Fachtag von der Hoffnung, dass diesem Aspekt in Zukunft vermehrt Aufmerksamkeit gewidmet werde.

Einer kurzen historischen Betrachtung von Supervision und Coaching sowie einer inhaltlichen Vertiefung folgte der Schwerpunkt der beruflichen Identität von Coaches und Supervisor*innen.

Stehen wir in der Begrenzung auf eine dieser Identitäten – sei es als Coach oder Supervisor*in?

Existieren nicht stets mehrere Facetten in unserer beruflichen Identität?

Unterscheiden sich die Perspektiven von Coaches und Supervisor*innen in ihrer Betrachtung der Welt?

Müssen sich Systemiker*innen für eine dieser Disziplinen entscheiden oder ergibt sich die Differenzierung allein durch die Zielgruppen?

Am Nachmittag wurden in Workshops verschiedene Methoden eingehend betrachtet.

Kathrin Dariz führte die Teilnehmer*innen in das Konzept des Lego Serious Play ein und ermöglichte ihnen, selbst mit aktiv zu werden und Modelle zu erstellen. Obwohl ich persönlich nicht an diesem Workshop teilnehmen konnte – man durfte zwei von den drei Workshops auswählen – beobachtete ich bei allen Teilnehmenden die Begeisterung. Lego kann nicht nur Kinderaugen zum Leuchten bringen, sondern unterstützt auch in den Bereichen Coaching und Supervision bei der Entwicklung kreativer Lösungen und Visionen.

Dennis Thelen entführte uns in die 3D-Welten.

Unter dem Motto „Thinking without boxes“ sammelte die Gruppe mithilfe der von Janek Panneitz entwickelten Methode zunächst die für sie wichtigsten Antworten auf die Workshop-Frage: „Was sind die Erfolgsfaktoren einer sehr guten Coachingsession?“. Die Antworten wurden auf sechseckige Plättchen geschrieben und auf einer großen Karte zu Themeninseln gruppiert. Die Priorisierung einzelner Antworten wurde durch verschiedene Profilhöhen sichtbar gemacht, wodurch sich aus der 2D-Welt eine 3D-Welt entwickelte. Im letzten Schritt wurden bestimmte Felder der Themeninseln durch unterschiedliche Symbole akzentuiert. Diese Methode bietet spielerische und zugleich strategische Ansätze, ist in Teams anwendbar (6-8 Personen, zeitlicher Aufwand ca. 4 Stunden) und eignet sich auch für die Entwicklung von Visionen oder Leitbildern. Auch im Einzelsetting, etwa im Coaching von Führungskräften, findet die Methode Anwendung.

Tom Küchler führte uns durch den „Solution-Loop“.

Was zunächst wie eine Turnübung klingt, ist ein Tool zur Kommunikationsanalyse und Gestaltung von Veränderungen, das Bezüge zu Heason Moon und Peter Szabó aufweist und von Tom Küchler und einer Teilnehmerin in einer Live-Demo veranschaulicht wurde. Ausgehend von der gegenwärtigen Situation durchlief die Teilnehmerin vier dialogische Quadranten, um positive und negative Erfahrungen aus der Vergangenheit sowie Hoffnungen und Befürchtungen für die Zukunft zu beleuchten. Lösungsorientierte Fragen im Prozess ermöglichten es der Teilnehmerin, Muster aus der Vergangenheit zu erkennen und diese konstruktiv für ihre angestrebte Zukunftsvision zu nutzen. Die Methode, die Tom Küchler bereits früher unter dem Namen „Lösungskreuzung“ veröffentlichte, ist nicht nur im demonstrierten Einzelsetting, sondern auch mit Teams anwendbar.

Besondere Inspiration und Anregung erfuhr ich durch die Debatte im Open Space, die sich einer zentralen Fragestellung widmete, die von Sandra Hofmann eingebracht wurde: Wie können wir als Systemiker*innen gesellschaftliche Konfliktfelder in Teams und Unternehmen begleiten?

Die Reflexion darüber, ob das Einnehmen einer klaren Position noch mit der grundlegenden systemischen Haltung von Neutralität und Allparteilichkeit vereinbar ist, prägte die Diskussion. Insbesondere in Zeiten gesellschaftlicher Herausforderungen stellt sich die Frage, ob eine Stärkung eben jener Haltung, die Vielstimmigkeit und Ambiguität bewusst zulässt und fördert, nicht immer relevanter wird.

Die Erörterung dieser Thematik im Open Space verdeutlichte nicht nur die Sensibilität für aktuelle gesellschaftliche Dynamiken, sondern regte dazu an, die systemische Grundhaltung in ihrer Anwendbarkeit auf komplexe soziale Kontexte zu vertiefen und weiterzuentwickeln.

Die Grundsätze systemischen Denkens und Handelns in der SG verdeutlichen die Ableitung systemischer Perspektiven von den Errungenschaften der Aufklärung. „Freiheit, Gleichheit, Laizismus, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind nicht nur Ansprüche, sondern auch Forderungen und Versprechen zugleich.“

Erfordert die Verabschiedung der Ethik-Richtlinien der Systemischen Gesellschaft im Jahr 2011 und deren Erweiterung im Jahr 2015 einen erneuten Diskurs, um angemessen auf verschiedene kontextuelle und kulturelle Bedingungen sowie gesellschaftliche Entwicklungen einzugehen? Und inwiefern kann die Systemische Gesellschaft dazu beitragen, die genannten Prinzipien in der heutigen Zeit weiterzuentwickeln?

Vielleicht können dies Fragen für einen 2. Fachtag des Ressort Arbeitswelt nach diesem Ersten sein.

 

geschrieben von Kathrin Güner

Bild 1 Graphic Recording von Jens Nordmann

Bild 2 Begrüßung durch Tom Küchler, Martin Hermann, Gerd Janke und Jens Nordmann (von links)

Bild 3 Eindrücke aus den 3D-Welten

Fotos: Kathrin Güner

 

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