Geschichte der Weißen Villa in Hilden

Die Geschichte der Weißen Villa bietet zwei interessante Stränge.

Innerhalb unserer Familie Mertens hieß dieses Gebäude stets die „Possberg-Villa“, da der Familien-Mythos lautete, dass Hubert Possberg diese Villa gebaut hätte. Hubert Possberg war der Vater von Annelie Mertens geb. Possberg und ihren Schwestern.

Als die Villa Ende 2020 zum Verkauf stand, überlegten wir nicht lange, um diese wieder in den
Familienbesitz übergehen zu lassen und somit einen Kreislauf zu schließen. 

 

Berta und Hubert Possberg

Bei der Recherche zur Villa wurde deutlich, dass es keine originalen Grundbucheinträge mehr gibt, da das zuständige Amt
1966 abgebrannt war. In Hilden sei das Gebäude zudem unter dem Namen „Weiße Villa“ bekannt und birgt auch eine traurige Geschichte.

Im Stolpersteine Guide findet sich die folgende Geschichte:

Dr. Siegmund Sommer und Hendrika Grüter

Dr. Sommer, geboren 16.6.1870 in Crainfeld, war seit über 40 Jahren Arzt in Hilden. Er heiratete 1927 seine Frau Gertrud, die dem katholischen Glauben angehörte, und sie zog zu ihm in die Gerresheimerstraße 340 in Hilden. Wann Herr Dr.  Sommer seine Praxis wegen der antijüdischen Gesetze aufgeben musste, ist nicht genau bekannt. Aus den Statistiken der Stadt Hilden geht hervor, dass Herr Dr. Sommer als Dissident, d.h. eine Person, die eine abweichende politische Gesinnung vertrat als die Nationalsozialisten, eingestuft wurde. Sicher ist, dass auf er ab 1934 kein eingetragener Arzt in Hilden mehr war, denn seit 1934 wurde er nicht mehr in der Liste der praktizierenden Ärzte geführt. Laut seiner Frau ist die Aufgabe der Arzttätigkeit auf das Jahr 1936/37 datiert.

Der Haushalt wurde von der Haushaltshilfe Hendrika Grüter, geboren in Duisburg am 13.7.1893, geführt. Frau Grüter arbeitete trotz der neuen Verordnung über die Tätigkeit von ‚deutschblütigen‘ Frauen in ‚Judenhaushalten‘ weiterhin bei den Sommers.           
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 (Reichspogromnacht) drang ein Schlägertrupp von SS und SA-Angehörigen in die Residenz ein und verwüstete diese. Dabei wurden die Sommers im Schlafzimmer eingesperrt, körperliche Misshandlungen folgten aber nicht. Man gab ihnen jedoch den Rat, das Haus sofort zu verlassen, da es am kommenden Tag niedergebrannt werden würde, wenn man sie noch dort anträfe.      

Nach Abzug des Schlägertrupps stand das Ehepaar Sommer vor den Trümmern ihrer Existenzgrundlage, da ihre Wohnung und Praxis völlig zerstört worden waren. Daraufhin beschloss das Ehepaar, sich dem Suizid hinzugeben und der Haushälterin das Anwesen zu vererben, doch sie lehnte das zu erbende Vermögen mit der Begründung ab, unter solchen Bedingungen und Menschen nicht leben zu können. Diese Aussage hat Achtung verdient, da sie sich somit gegen den Nationalsozialismus gestellt hat. Somit nahmen alle drei dieselbe Überdosis des Schlafmedikaments. Am 10. November wurden sie von einem Kriminalbeamten gefunden und Frau Sommer und Frau Grüter ins Krankenhaus gebracht. Herr Dr. Sommer jedoch schlief drei weitere Tage im Haus und verstarb schließlich dort, da der leitende Arzt der Meinung war, dass sich der Transport von ihm ins Krankenhaus nicht lohnen würde. Seine Frau überlebte knapp, Hendrika Grüter erlag aber ebenfalls den Folgen des Suizidversuches und verstarb am 14.11.1938 im Krankenhaus.

Herr Dr. Sommer und Frau Grüter gelten somit als Opfer des Hildener Pogroms.

Quelle: Arbeitskreis Stolpersteine (Hrsg.): Steine gegen das Vergessen. Stolpersteine Hilden. 2. Auflage. Hilden 2013. Seite 28/29.
(https://stolpersteine-guide.de/map/biografie/1773/dr.-siegmund-sommer-und-hendrika-gruter abgerufen am 13.04.2021)

Wie das Gebäude zu dem Namen „Weiße Villa“ kam, ist uns derzeit noch unbekannt.